Künstlergesamtliste

Vernissagen

1.11.2019 - 1.3.2020

Wallraf-Richartz-Museum

Inside Rembrandt • 1606-1669

Meister, Virtuose, Genie oder Star – die Synonyme für Rembrandt sind so vielfältig wie seine Kunst, die die Menschen weltweit begeistert. Aber warum ist das so? Dieser Frage geht das Wallraf-Richartz-Museum mit seiner großen Sonderausstellung „Inside Rembrandt • 1606-1669“ nach, einer Hommage an den Maler zu seinem 350. Todestag († 4. Oktober 1669). Die Schau taucht ein in die Welt des Niederländers und erzählt bildgewaltig von einem dramatischen Künstlerleben zwischen Tragödie und Komödie. Dazu zeigt das Wallraf neben eigenen Rembrandt-Werken auch hochkarätige Leihgaben aus zahlreichen renommierten Häusern wie zum Bespiel Amsterdamer Rijksmuseum, Getty Collection Los Angeles, MOMA New York, Münchner Pinakothek, Nationalmuseum Stockholm und Staatsgalerie Stuttgart. Die traditionsreiche Prager Nationalgalerie schickt eigens für die Kölner Schau ihr faszinierendes Gemälde „Der Gelehrte im Studierzimmer“ zum ersten Mal seit 70 Jahren auf eine Reise ins Ausland.

Rembrandt Werkstatt, Selbstbildnis mit roter Mütze, um 1659, Öl auf Leinwand, Staatsgalerie Stuttgart, Foto bpk Berlin - Staatsgalerie StuttgartUm den Kosmos Rembrandt in all seinen Facetten aufleben zu lassen, präsentiert die Ausstellung neben mehr als 60 Rembrandtwerken auch ausgesuchte Arbeiten seiner Zeitgenossen und Schüler wie Jan Lievens, Govert Flinck und Ferdinand Bol. „INSIDE REMBRANDT“ läuft vom 1. November 2019 bis zum 1. März 2020 in Köln und ist eine Kooperation zwischen dem Wallraf-Richartz-Museum und der Nationalgalerie Prag.

Die Ausstellung „Inside Rembrandt“ startet dort, wo auch für Rembrandt alles beginnt: im niederländischen Leiden. Hier wird er am 15. Juli 1606 geboren und verbringt seine Kindheit und Jugend in einer Geisteswelt, die ihn privat wie beruflich für immer prägt. Und hier eröffnet er im Jahre 1625 auch sein erstes Atelier. Anhand von frühen Rembrandt-Werken zeigt die Sonderschau eindrucksvoll, wie intensiv und detailversessen sich der Künstler schon damals dem Porträtieren widmet. Klug und liebevoll platziert er sie in passende Interieurs und taucht sie in ein geradezu spirituelles Licht.

Doch seine Geburtsstadt wird dem ambitionierten jungen Mann zu eng und so zieht es ihn Anfang der 1630er Jahre nach Amsterdam. Hier wird aus seiner Könner- eine Meisterschaft; schnell steigt er zum bestbezahlten Maler der Niederlande auf. In dieser Zeit, auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens, malt Rembrandt auch den Prager „Gelehrten“. In diesem glanzvollen Bild stecken seine technische Brillianz und der große Ehrgeiz des Malers, weshalb das Gemälde auch im Zentrum der Ausstellung hängt. Gemeinsam mit anderen Werken zeugt es von der Strahlkraft des Niederländers. Diese findet sich aber nicht nur in seinen eigenen Gemälden, Radierungen und Zeichnungen, sondern steckt auch in Bildern seiner Schüler, Werkstattmitarbeiter und Kollegen, die ihm allesamt nacheiferten. Wer „Inside Rembrandt“ besucht, der lernt ein altes Genie von einer neuen Seite kennen.

http://www.wallraf.museum/
21.9.2019 - 19.1.2020

Museum Ludwig

Transcorporealities

Beteiligte Künstler*innen:
Jesse Darling, Flaka Haliti, Trajal Harrell, Paul Maheke, Nick Mauss, Park McArthur, Oscar Murillo, Sondra Perry

Ausgangspunkt der Ausstellung Transcorporealities ist das Konzept der Durchlässigkeit von Körpern. Posthumanistische und neue materialistische Theorien begreifen menschliche wie nichtmenschliche Körper als offene Systeme, die sich im dauerhaften Austausch mit ihrer Umwelt befinden – jenseits von Dualismen wie Natur und Kultur, Mensch und Maschine, Subjekt und Objekt oder Individualität und Gemeinschaft. Die Idee der Transkorporalität lässt sich auch auf das Museum anwenden: In stetigen Stoffwechselprozessen fließen darin diverse soziale, biologische, technologische, wirtschaftliche und politische Realitäten ineinander.

Oscar Murillo Human Resources, 2016 (Detail) Installationsansicht, Carlos/Ishikawa, London © Oscar Murillo, Courtesy Carlos/Ishikawa, LondonVor diesem Horizont aktiviert die Ausstellung einen Bereich im Museum, der sich durch seine transparenten Fensterfronten und Glastüren an zwei Seiten öffnet und frei zugänglich ist: das Eingangsfoyer. Als Transitraum bildet es eine Art Membran – einerseits um das sensible Innenleben der Institution vor äußeren Einflüssen zu schützen, andererseits um ihre Poren für die Umwelt zu öffnen und somit ihre Atmung zu ermöglichen. Die künstlerischen Arbeiten reagieren unmittelbar auf den Raum, schaffen neue Mikroarchitekturen, inkorporieren die bereits bestehende Einrichtung oder legen Fährten in die Sammlung und weitere Vermittlungskanäle des Museums. Die Werke sind immersiv, prozessual oder performativ. Mitunter entziehen sie sich bewusst der materiellen Fassbarkeit.

Oscar Murillo lädt die Besucher*innen ein, auf seiner raumgreifenden Tribüneninstallation neben lebensgroßen Figuren Platz zu nehmen, und schafft eine Agora-Situation rund um eine Bühne, auf der während der Laufzeit ein weit gespanntes Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm stattfindet. Ähnlich performative Möglichkeitsräume entstehen durch Paul Mahekes Interventionen: Mit neuen Arbeiten markiert er dezidiert die Schwellen zwischen Innen- und Außenraum und lässt unter anderem OOLOI, eine alienhafte Fantasie-Figur dritten Geschlechts, ins Museum einziehen. Auch Flaka Haliti reflektiert die Perspektiven auf nichtmenschliche Körper und widmet sich obskuren Tiefseekreaturen, die sich außerhalb menschlicher Reichweite befinden und dadurch zu Spekulationen anregen. Während Jesse Darlings Installation mit Bezügen zur Legende der Kölner Stadtpatronin St. Ursula einige der Schließfächer im Foyer okkupiert, hebt eine Baggerinstallation von Sondra Perry den westlichen menschlichen Exzeptionalismus aus den Angeln. Auch die Technologien der Repräsentation zeigen sich als durchlässig, wenn Perry die ihnen innewohnenden diskriminierenden Identitätskonstruktionen entlarvt. Park McArthur versteht den Körper vielmehr als Beziehungsgefüge denn als in sich geschlossene Einheit. Die Materialität ihrer beiden skulpturalen Arbeiten im Foyer – aus Schall, Reibung und Stöße absorbierendem Schaumstoff und Gummi – verweist auf die Wechselwirkungen und Abhängigkeiten zwischen Körpern und ihrer Umgebung. Mit ihrem künstlerischen Beitrag im Katalog verschiebt sie die Grenzen des Ausstellungsraums noch ein Stück weiter.

Sondra Perry Graft and Ash for a Three Monitor Workstation, 2016 Installationsansicht HIER UND JETZT im Museum Ludwig. Transcorporealities Museum Ludwig, Köln 2019 Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln / Sabrina WalzTrajal Harrell und Nick Mauss greifen in die Sammlung ein und untersuchen auf unterschiedliche Weise transmediale Repräsentationsformen von Körperlichkeit und Performativität. Harrell, der 2018 vom deutschen tanz-Magazin als „Tänzer des Jahres“ ausgezeichnet wurde, befragt in einem Tanzsolo und einer Installation seinen (Selbst-)Wert. Im Dancer of the Year Shop versammelt er persönliche Gegenstände von unschätzbarer Kostbarkeit, darunter Erinnerungsstücke aus Familienbesitz und aus seinem Freundeskreis sowie Relikte seiner Karriere, und bietet sie an bestimmten Tagen der Laufzeit zum Verkauf an. Nick Mauss hingegen spürt Resonanzen zwischen verschiedenen Sammlungswerken auf, indem zum Beispiel Jasper Johns’ 15 Minuten Pause (1961) auf verweilende Darsteller in einem Gemälde von Erich Heckel (1928) trifft. In Mauss' Konfiguration mit dem Titel Traktat über den Schleier treten diese Arbeiten in Dialog mit einem projizierten Fotoarchiv von Carl Van Vechten und einer neuen Choreografie, die mit Studierenden der Hochschule für Musik und Tanz Köln entwickelt wird.

Die Künstler*innen teilen eine transdisziplinäre und institutionsreflexive Praxis. Dazu gehört die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle und transkorporalen Prozessen im Spannungsfeld zwischen gelebter Erfahrung und visueller Repräsentation, Ein- und Zuschreibungen oder Zurschaustellung und Angeschautwerden. Denn geht es um die mannigfaltigen Formen der Verkörperung, liegen Widerstand und Verwundbarkeit oft ebenso prekär nah beieinander wie Autonomie und Abhängigkeit, Liberalisierung und Instrumentalisierung.

Museen sind soziale Orte der Bildung, die gemäß der ihnen zugeschriebenen Kernaufgabe – Sammeln und Bewahren – Materie und Bedeutung im kulturellen Gedächtnis schaffen. Doch inwiefern funktionieren sie auch als eine Art Agora, als Ort der Versammlung? Dabei soll Transcorporealities nicht die Großzügigkeit und Gastfreundschaft des Museums unter Beweis stellen, sondern vielmehr ungelöste institutionelle Fragen nach Zugänglichkeit sowie den Möglichkeiten und Grenzen der Repräsentation von Körpern verhandeln: Wer ist das Wir, wer das Sie?

Transcorporealities ist die fünfte Ausstellung innerhalb der Projektreihe HIER UND JETZT im Museum Ludwig und wird kuratiert von Leonie Radine. Für Yilmaz Dziewior, Direktor des Museum Ludwig, steht Transcorporealities exemplarisch für den interdisziplinären Ansatz der Reihe, die Konventionen der Museumsarbeit hinterfragt und sie auf vielfältige Weise produktiv öffnet.

Zum Ende der Ausstellung erscheint ein Katalog mit einem Vorwort von Yilmaz Dziewior sowie Beiträgen von Stacy Alaimo, Park McArthur, Leonie Radine und Nora Sternfeld.

http://www.museum-ludwig.de/
10.10.2019 - 5.1.2020

Käthe Kollwitz Museum

BERLINER REALISMUS

Rau, ruppig und politisch unbequem: Die Berliner Kunst zur Kaiserzeit besitzt Sprengkraft. Von Wilhelm II. mit dem Verdikt der ›Rinnsteinkunst‹ belegt, widmen sich Künstler der Berliner Secession um 1900 erstmals dezidiert sozialen Themen. Sie begründen eine spezifisch berlinische Tradition des sozialkritischen Realismus, die in der Kunst der Weimarer Republik ihre konsequente Fortsetzung findet.

Grosz_1920_Schoenheit__DHM-Berlin__VG-Bild-2019Mit der Ausstellung BERLINER REALISMUS – VON KÄTHE KOLLWITZ BIS OTTO DIX präsentiert das Käthe Kollwitz Museum Köln mehr als 120 Werke – von Ölmalerei, Zeichnung und Druckgraphik über Plakatkunst und Photographie bis hin zum Film – und spannt gleichzeitig einen Bogen von den 1890er bis in die 1930er Jahre.

Wie ein roter Faden zieht sich die Auseinandersetzung mit den sozialen Missständen in Deutschland durch die Berliner Kunst. Unabhängig von den zahlreichen Stilrichtungen der Moderne sind Krieg, Revolution, Kapitalismuskritik, soziale Ungleichheit und Prostitution immer wiederkehrende Motive.

Malerei und Graphik
Die prekären Lebens- und Wohnverhältnisse der mit der zunehmenden Industrialisierung stark angewachsenen Arbeiterschaft sind zentrale Themen bei Heinrich Zille (1858–1929), Käthe Kollwitz (1867–1945) und Hans Baluschek (1870–1935). Ihre Werke veranschaulichen in der äußerlich glanzvollen Kaiserzeit die Armut, den Hunger und das soziale Elend im ›Milieu‹.

Der Erste Weltkrieg bedeutet eine drastische Zäsur. Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts stürzt junge Maler und Graphiker wie Willy Jaeckel (1888–1944), Otto Dix (1891–1969) oder George Grosz (1893–1959) in existenzielle Erfahrungen, die sie anschließend in ihren Werken künstlerisch verarbeiten. Diese ›zweite Generation‹ der Berliner Realisten – darunter auch Otto Nagel (1894–1967), Conrad Felixmüller (1897–1977) und Werner Scholz (1898–1982) – ergreift in der Weimarer Republik nicht mehr nur Partei für den ›kleinen Mann‹, sondern kritisiert mit zunehmend politischer Intention die gesellschaftlichen Zustände. Künstler wie John Heartfield (1891–86) veröffentlichen in neuen Medien wie der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung eindringliche Photomontagen und Collagen aus Text und Bild, um politische Entwicklungen zu kommentieren.

Film und Photographie
Die Ausstellung präsentiert auch photographische Positionen: Werke von August Sander (1876–1964) und Friedrich Seidenstücker (1882–1966) ebenso wie Aufnahmen, u.a. von Ernst Thormann (1905–1985), die zeigen, wie es der jungen Arbeiterphotographie gelingt, die Lebensumstände der unteren Gesellschaftsschichten aus einer selbst gewählten Perspektive zu dokumentieren.

Zwei Hauptwerke des proletarischen Films sind im Rahmenprogramm zu sehen: »Mutter Krausen´s Fahrt ins Glück« (1929), ein Höhepunkt des Weimarer Kinos am Ende der Stummfilmzeit, für den Käthe Kollwitz ein Plakat in einem für ihr Werk außergewöhnlich großen Format geschaffen hat, sowie »Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?« (1932), ein Musterbeispiel für Agitprop und ein Klassiker der modernen Filmkunst mit Texten von Bertolt Brecht und Musik von Hans Eisler.

Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Bröhan-Museum, Berlin

Jeweils Donnerstag / 17 Uhr u. Sonntag / 15 Uhr finden öffentliche Führungen in der Ausstellung statt.

http://www.kollwitz.de/
16.11.2019 - 3.1.2020

Museum Ludwig

WADE GUYTON: ZWEI DEKADEN MCMXCIX-MMXIX

Wade Guyton Ohne Titel, 2006 Epson UltraChrome-Tintenstrahldruck auf Leinen 228.6 × 134.6 cm Privatsammlung © Wade Guyton, Foto: Larry LamayDer 1972 geborene US-amerikanische Künstler Wade Guyton hat über zwei Jahrzehnte ein so konzeptuell konsequentes wie erfrischend eigensinniges Werk geschaffen. Bekannt ist er vor allem für seine mit einem herkömmlichen Tintenstrahldrucker hergestellten großformatigen Leinwandbilder mit ikonischen Motiven wie Flammen, den Buchstaben „X“ und „U“ oder der Website der New York Times. Nachdem das Museum Ludwig bereits mehrere Werke des Künstlers für die Sammlung erwerben konnte, richtet es ihm nun eine große Überblicksausstellung aus, die sein künstlerisches Schaffen von den Anfängen bis hin zu jüngsten Arbeiten vorstellt.

http://www.museum-ludwig.de/
12.10.2019 - 2.1.2020

Museum Ludwig

Lucia Moholy. Fotogeschichte schreiben

Anlässlich des Bauhaus-Jubiläums widmet sich das Museum Ludwig mit einer kleinen Präsentation im Fotoraum der Fotografin und Fotohistorikerin Lucia Moholy. In diesem Rahmen werden auch drei neuerworbene Vintage Prints von Lucia Moholy erstmals gezeigt. Neben ihren fotografischen Werken werden auch Briefe aus dem Archiv des Museum Ludwig präsentiert, die einen regen Austausch zwischen Moholy und dem Fotosammler und -historiker Erich Stenger belegen. Gemeinsam hatten sie um 1932 vor, ein Buch über die Geschichte der Fotografie zu schreiben. Der Aufstieg der Nationalsozialisten trieb Moholy jedoch in die Emigration, während Stenger in Deutschland zum gefragten Experten auf dem Gebiet aufstieg. Moholy veröffentlichte schließlich selbstständig in London 1939 A Hundred Years of Photography 1839–1939.

Fritz Kempe Porträt Lucia Moholy, 1980 Gelatinesilberpapier 32,7 x 22,4 cm Museum Ludwig, Köln © Erika Kempe, Hamburg Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv KölnIhr Buch wurde der erhoffte Kassenschlager und enthielt für seine Zeit Gedanken zur Fotografie, die radikal neu waren: Fotografie und Malerei wurden als zwei gleichwertige Wege beschrieben, beispielsweise „abstrakte Bilder“ herzustellen: „Fotografie wurde (…) von einigen abstrakten Malern als neues Medium aufgenommen, mit dem sie versuchten, ihrem Gefühl für Ausgewogenheit Ausdruck zu verleihen. Es sind der in Frankreich lebende Man Ray, und Moholy-Nagy in den USA. Sie griffen die Methode der ‚Fotogenischen Zeichnung‘ auf, entdeckt von Schulze 1727 und Fox Talbot vor 1834 bekannt, und wendeten sie auf spezielle Weise an. (…) Die Frage, ob die Fotografie irgendeinem Einfluss der abstrakten Kunst unterworfen worden sei, stellt sich aber nicht in Bezug auf diese Bilder. Es war ein Prozess der Angleichung, nicht der Beeinflussung.“

Lucia Moholy selbst hatte als Fotografin Fotogramme (die auch als fotogenische Zeichnung bezeichnet werden) entwickelt und diese Technik ihrem damaligen Partner, dem Maler und Bauhaus-Lehrer László Moholy-Nagy, nahe gebracht. Ein Fotogramm ist eine kameralose Fotografie, bei der Objekte auf lichtempfindliches Papier gelegt und belichtet werden. Ihr Schatten bleibt auf dem Papier als helle Fläche zurück. Als (Kunst-)historikerin führte sie das Verfahren auf frühe fotografische Experimente zurück, wie Johann Heinrich Schulzes Entdeckung der Lichtempfindlichkeit von Silbersalzen im 18. Jahrhundert oder William Henry Fox Talbots erste Fotogramme aus den 1830er Jahren. Das heißt, sie fand die Wurzel fotografisch-kreativen Arbeitens bereits in der Vorgeschichte der Fotografie, was den zeitgenössischen Werken noch mehr Gewicht – eine Tradition – zusprach. Außerdem beschrieb sie Fotogramme als gleichwertig zu abstrakten Tendenzen in der Malerei.

László Moholy-Nagy und Lucia Moholy László und Lucia, um 1922 Gelatinesilberpapier (Fotogramm) 36,5 x 31,7 cm Museum Ludwig, Köln © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv KölnWie zukunftsweisend Moholys Fotogeschichte damit war, zeigt sich besonders im Vergleich zu dem Buch Die Photographie in Kultur und Technik. Ihre Geschichte während hundert Jahren von Erich Stenger. Für ihn war die Fotografie vor allem eine Technik, die auf vielen Gebieten Anwendung fand, nicht aber eine Möglichkeit kreativen Ausdrucks. Er schrieb über das Fotogramm: „ Wenn man sich begnügt, die Licht-Schatten-Verteilung irgendeines in einem Lichtkegel befindlichen Gegenstandes bildmäßig festzuhalten, den Gegenstand also nur in seinem Schattenriss, nicht als photographisches Bild, wiederzugeben, so gelangt man zum ‚Photogramm‘ (…). Es entstanden gelegentlich spielerisch reizvolle Schattenbilder in dieser ‚kameralosen‘ Betätigung, die mit der objektiven Lichtbildnerei nichts gemein hat.“ Stengers ironischer, um nicht zu sagen herablassender Ton und sein konservativer Kunstgeschmack, machen es schwer, sich eine gemeinsame Fotogeschichte von ihm und Lucia Moholy vorzustellen. Umso überraschender ist die Erkenntnis, dass sie darüber nachdachten.

Grundlage ihrer beider Forschungen war die Sammlung Stenger, die heute als Teil der Sammlung Agfa im Museum Ludwig verwahrt wird. Hier sah Moholy frühe Fotogramme von Talbot, von denen eines in der aktuellen Präsentation gezeigt wird. Durch Erich Stenger erfuhr Moholy auch von Johann Heinrich Schulzes frühen Experimenten. Während Stenger die Verbindung zu den „reizvollen Schattenbildern“ seiner Gegenwart nicht gelang, spannte Moholy den großen Bogen. Ein Grund mehr, ihre Geschichte im Museum Ludwig zu würdigen.

Kuratorin: Miriam Szwast

http://www.museum-ludwig.de/
2.11.2019 - 21.12.2019

In Fokus

Sissi Farassat

Sequence

Sissi FarrasatSissi Farassat wurde 1969 in Teheran geboren und zog 1978 mit ihrer Familie nach Wien, wo sie noch heute lebt und als Künstlerin arbeitet. Sissi Farassats Werke sind weitgehend autobiographisch und offenbaren oft ihre persönliche Geschichte durch eine einzigartige Kombination von Einflüssen persischer und Wiener Kunst und Design.

Farassat verändert die inhärentesten Eigenschaften des fotografischen Mediums drastisch: die Unmittelbarkeit der Kamera und die Möglichkeit, mehrere fotografische Abzüge zu erstellen. Stattdessen nimmt sie Nadel und Faden zu jedem Print und näht Tausende von Kristallen, Perlen und Pailletten von Hand auf und verwandelt ihre Fotos in eine Art Wandteppich. Damit verwischt sie die Unterscheidung zwischen dem Foto und dem Objekt, dem Offenbarten und dem Verborgenen und eliminiert das Subjekt aus seinem ursprünglichen Kontext.

Sissi FarrasatFarassat fordert unseren Blick heraus und scheint sich über die Ambivalenz ihrer Transformationen zu freuen. Mit ihren Pailletten- und Kristallteppichen setzt Sissi Farassat den Fotos zusätzliche Glanzlichter auf und bringt damit auch körperliche und haptische Qualitäten in den visuellen Raum ein. Mit dem Glitzern der Kristalle und der Pailetten und deren irisierenden Farben erinnern ihre Bilder an prunkvolle Gemächer, aber auch an die Glitterwelt von Disco und Filmrevuen - dem gegenüber steht oft die «Gewöhnlichkeit» oder Intimität der Sujets.

Eröffnung am Samstag, den 2. November 2019 um 19 Uhr
(bis 21:30 Uhr) in Anwesenheit der Künstlerin.

http://www.infocusgalerie.de

Im Fokus

Koeln-Art Newsletter

Newsletter-Bestellung

Ihre Kontaktdaten

Sicherheitsfrage